Dokumentarreihe Holokaust
17 Oktober - 21 November 2000 bei ZDF

Unter der Schirmherrschaft von Simon Wiesenthal
«Diese Dokumentation ist das Vermächtnis von Millionen Opfern»

Ausschnitte aus den deutschen Medien
Die Welt vom 14.10.2000  Bericht von Claudia Roth
Die Welt vom 17.10.2000 Bericht von Wolfgang Sauer
Berliner Zeitung vom 17.10.2000 Bericht von Götz Aly
Berliner Zeitung vom 24.10.2000 Bericht von Götz Aly
Der Tagesspiegel vom 14.10.2000 Bericht von Kerstin Decker
Der Tagesspiegel vom 17.10.2000 Bericht von Henryk M. Broder
Westdeutsche Allg. Zeitung, 16.10.2000 Bericht von Hubert Wolf
Standard (Österreich) vom 17.10.2000
Tageszeitung vom 17.10.2000 Ästhetisierte Vernichtung
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 16.10.2000 (in English) by Alexander Kissler


Die Welt vom 14.10.2000

Authentisches über das Unfassbare

"Holokaust" in ZDF und Phoenix - Opfer, Mitläufer und Täter vor der Kamera

Von Claudia Roth

Berlin - "Der totale Irrsinn kann keine Ursache haben", meint der Historiker Eberhard Jäckel. Warum kam es zum Holocaust, zur Ermordung der europäischen Juden? Auf diese Frage werden wohl auch die Fachleute niemals eine befriedigende Antwort finden. Was Historiker und Journalisten hingegen leisten können: Fragen und zeigen, was und wie es geschehen ist. Das will "Holokaust", eine Dokumentarreihe des ZDF unter Leitung von Guido Knopp. Sie lässt in sechs Teilen - von Hitlers Überfall auf die Sowjetunion 1941 über die "Mordfabrik" Ausschwitz bis zur Befreiung der Konzentrationslager 1945 - Zeitzeugen und Originalbilder über das unbegreifliche Verbrechen an den Juden sprechen. Dabei ist bisher unveröffentlichtes Filmmaterial, das vor allem in den Archiven Osteuropas lagerte, zu sehen.

Warum heißt die Sendung "Holokaust", nicht "Holocaust"? Die Schreibweise soll klar machen, dass es Deutsche waren, die das Verbrechen an den Juden begangen haben, sagen die Filmemacher. Da klingt so etwas wie zeigefingrige Volkspädagogik. Andererseits: Das Wissen vor allem junger Deutscher um den Völkermord an den Juden ist tatsächlich erschreckend gering. Laut einer Umfrage des Emnid-Instituts können 86 Prozent der Hauptschüler und immerhin 43 Prozent der Abiturienten mit dem Wort "Holocaust" nichts anfangen. Daran wird möglicherweise nicht das "k" im Titel, vielleicht aber die Sendung ein wenig ändern. "Holokaust" ist der bislang umfassendste Versuch des deutschen Fernsehens, den Völkermord an den Juden darzustellen. Dazu wurden weltweit über 500 Zeitzeugen befragt - die meisten von ihnen Opfer, osteuropäische Juden, damals noch Kinder. Sie sprechen über den tausendfachen Mord, den die deutschen Einsatzkommandos schon in den ersten Wochen nach dem Angriff auf die Sowjetunion an der jüdischen Bevölkerung verübten. Amateuraufnahmen zeigen, wie Menschen aus ihren Häusern getrieben werden. Vor laufenden Kameras müssen Juden ihr eigenes Grab schaufeln. Auf Zelluloid gebannt, brennt die Synagoge in Bialystok noch heute vor den Augen des Zuschauers nieder.

Autor Maurice Philip Remy, der auch Regie führte, kann auf einen wissenschaftlichen Beirat verweisen, dem international renommierte Holocaust-Experten angehören, darunter Yehuda Bauer, Christopher R. Browning, Ian Kershaw und Peter Longerich. Simon Wiesenthal, Schirmherr der ZDF-Reihe, sagt zu dem Projekt: "Vielleicht ist es das letzte Mal, dass wir in dieser Serie die Möglichkeit haben, von Menschen zu hören, die das Wort éich' gebrauchen." Authentizität ist die Stärke der Dokumentation. Dort, wo neue Bilder eingespielt werden, geschieht dies unaufdringlich und stört nicht das "Zwiegespräch" zwischen Originalbild und Zeitzeugenbericht. Dies schafft Glaubwürdigkeit.

Doch zu Wort kommen nicht nur die Opfer, sondern auch Mitwisser und Mitläufer: Deutsche, die von den Gräueln an den Juden gehört und nichts unternommen haben. Ein Wehrmachtsoffizier erinnert sich, dass betrunkene SS-Offiziere prahlten, wie sie mit den Juden umgegangen seien: "Und damit habe ich also auch wieder gewusst, dass man mit den Juden grässliche Dinge tat. Dass das Verbrechen waren. Dass man also auf eine Ausrottung aus war." Es blickt auch ein litauischer Hilfspolizist zurück und bekennt: "Ich habe immer versucht, dahin zu zielen, wo der gelbe Stern war, um sicher zu gehen, dass derjenige wirklich tot ist."

Ein deutscher Besatzungsbeamte aus Zloczow in Ostpolen spricht zum ersten Mal öffentlich über seine Erlebnisse. Auch er hielt die Juden wie so viele andere "für etwas Minderwertiges". Doch als er 1942 erfuhr, dass sie systematisch ermordet werden, fühlte er: "Es sind Menschen wie du und ich. Die Juden sind nicht unser Unglück, sondern wir sind es selbst. Wir richten uns selber zu Grunde."

"Holokaust" im ZDF, Dienstag, 20.15 Uhr: "Menschenjagd" (17. Oktober); "Entscheidung" (24. Oktober); "Ghetto" (1. November, 21 Uhr); "Mordfabrik" (7. November); "Widerstand" (14. November); "Befreiung" (21. November); der Dokumentationskanal Phoenix strahlt die Folgen jeweils zwei Tage vor dem ZDF aus, beginnend an diesem Sonntag, 20.15 Uhr, um 21 Uhr folgt jeweils "Holokaust - Die Diskussion" (am 15. Oktober unter anderem mit Eberhard Jäckel, Autor Maurice Philip Remy, Guido Knopp und Zeitzeugen) Die Welt, 14.10.00


Die Welt vom 17.10.2000

Holocaust auf Deutsch

Kommentar von Wolfgang Sauer

Die Ankündigung in der Fernseh-Programmzeitschrift für den heutigen Dienstag ist zeitgeistig-flapsig: "Neue Dokureihe 6-teilig": Ihr Titel: Holokaust. Mit einem K geschrieben. Das Wort "Holocaust" - mit C - ist aus dem Englischen ins Deutsche gekommen. Das Verbrechen, die systematische Ermordung der europäischen Juden während der NS-Herrschaft, ist deutsch. Seine Bezeichnung soll nun auch verdeutscht werden, eben durch die Ersetzung des C durch K. Das haben Wissenschaftler dem ZDF geraten, der Sender ist ihrem Vorschlag gefolgt. Ob das klug ist?

"Holokautoma" ist altgriechisch, Martin Luther hat es mit "Brandopfer" übersetzt. Das Verb, mit dem der Begriff gebildet ist, heißt "karein" (verbrennen), "holos" bedeutet "ganz, völlig". Da in der Regel in der Antike nur Teile der Opfertiere verbrannt wurden, kam es zu der besonderen Bezeichnung für eine "Ganz-Verbrennung". Im Lateinischen tauchte "holocaustum" als latinisierte Form des griechischen Wortes gelegentlich auf. Aus dieser Sprache ist es in das Neuenglische entlehnt worden. Nun soll der Holocaust verdeutscht werden. In der englischen Form ist der Begriff seit gut 20 Jahren hier gebräuchlich und bekannt. In seiner veränderten Form, dann gar deutsch ausgesprochen, wirkt er fremd, ja befremdlich. Philologisch mag "Holokaust" korrekt sein, politisch ist er es nicht. Das deutsche Verbrechen wird so eher verbrannt, das griechische Wort nicht deutsch. Es wirkt verschleiernd wie zentrale Begriffe aus der NS-Sprache, erinnert fatal an "Konzentrationslager" oder "Liquidation". Mit seinem griechischen Ursprung hat ein "Holokaust" nichts gemein. Nennen wir den Völkermord weiterhin Holocaust, verdunkeln wir das Grauenvolle nicht durch eine gut gemeinte Eindeutschung, die keine ist und nichts verständlicher macht. Die Welt, 17.10.00


Berliner Zeitung vom 17.10.2000

Sechs Folgen zur besten Sendezeit

Plötzlich waren wir nur noch Juden

Heute Abend beginnt die eindrucksvolle Dokumentarreihe "Holokaust" im ZDF

von Götz Aly

In der Pressevorstellung präsentierten die Autoren und Macher der neuen ZDF-Fernsehreihe "Holokaust" die erste wie die dritte Folge ihrer neuen Dokumentation. Sie heißen "Menschenjagd" und "Ghetto". Sollten die anderen vier Teile das hier gezeigte Niveau halten, dann kann und soll diese Serie, die in der Hauptsendezeit platziert ist, ein Erfolg werden.

Die Filme enthalten einen hohen Anteil an noch nie gesendetem Material, das in fernen Archiven und in nahen privaten Nachlässen aufgefunden wurde. Sie dokumentieren die Erinnerungen der überlebende Opfer und zeigen Täter, Mitläufer oder deutsche Zeugen, die heute nicht mehr so starr und abweisend sprechen, wie sie es noch vor zehn Jahren getan hätten. Das Alter trübt nicht die ferne, wohl aber die nahe Erinnerung und mindert so die Rücksichten auf die Gegenwart. Darin liegt eine Chance. Manches spricht dafür, jedenfalls möchte man es wünschen, dass die entgeisterte Frage der Enkelin - "Und da hat Opa mitgemacht?" - nach dem Film "Holokaust" in vielen deutschen Familien noch einmal gestellt wird. Die Dokumentarfolgen können dabei helfen, dass sie in einer Offenheit beantwortet wird, wie sie der beteiligten Generation vorher nicht möglich war.

Unfassbares geschah

In der ersten Folge, die von den Massenmorden an Juden im Krieg gegen die Sowjetunion handelt, spricht ein ehemaliger Oberleutnant, Ulrich Gunzert, darüber, wie schnell "im Kampfeinsatz" alles andere, eben auch das moralische Abwägen "an Bedeutung verliert". Ein litauischer Hilfspolizist, Jouzas Maleksanas, erklärt wie er sein Tagewerk Massenmord, das er unter deutscher Anleitung betrieb, empfand: "Es war, wie in den Wald fahren, um Holz zu hacken." Der Marinesoldat Karl Heinz Mangelsen filmte eine Massenerschießung von jüdischen Männern in den Dünen von Libau. Erst vor der Kamera beginnt er zu begreifen, was er damals getan und gesehen hat. Fanny Segal, die Tochter eines der Männer, die am Strand von Libau den Tod fanden, wurde am nächsten Tag von ihrer Mutter zum Gefängnis geschickt, um dem vermeintlich inhaftierten Vater einen Mantel zu bringen. An der Pforte erhielt sie die Antwort: "Mädchen, geh nach hause, dein Vater braucht den Mantel schon nicht mehr." Irene Horowitz aus Lemberg berichtet, wie für sie binnen Stunden nach dem deutschen Einmarsch etwas Unfassbares geschah: "Plötzlich waren wir nur noch Juden." Vorher war sie mit Polen und Ukrainern zur Schule gegangen und befreundet gewesen. Jetzt aber rückte ein ukrainischer Mob an - mit Prügeln und Äxten bewaffnet - und ermordete unter deutscher Ermunterung 4 000 Juden binnen zweier Tage und Nächte. Abrascha Levit aus Weißrussland bezeugt, wie unvorstellbar ihm die Möglichkeit einer solchen "Volksvernichtung" erschienen war und was er dann empfand: "Angst, Angst, Angst."

Rozèle Goldenstein aus Litauen erzählt, wie sehr sie sich gewünscht hatte, gemeinsam "mit der Mutter und dem Bruder zu sterben". Erfolglos bat sie einen Deutschen, ebenfalls erschossen zu werden. Bei einer zweiten Selektion geriet sie auf die Seite der Todgeweihten: "Ich wusste, ich würde die Mutter jetzt wieder sehen, ich würde zu ihr gehen." Aber Rozèle Goldenstein überlebte im Massengrab. Als die Mörder johlend und besoffen abzogen, bemerkte sie, dass sie nicht getroffen worden war. Zum Leben verurteilt kroch sie aus der Grube.

Ein Fernsehfilm muss die historischen Fakten vereinfachen, aber das geschieht in einer Weise, die akzeptabel bleibt. Die Serie macht deutlich, wie sehr die vielen Einzelforschungen der vergangenen 15 Jahre dazu geführt haben, einen breiten Konsens im Faktischen herzustellen. Das gilt auch hinsichtlich der Verbrechensbeteiligung der Wehrmacht, hinsichtlich der Opferzahlen, der Rolle, die der Ordnungspolizei oder kollaborierenden, so genannten "fremdvölkischen" Einheiten zukommt.

Verzicht wäre besser gewesen

Die Berater, namentlich Eberhard Jäckel und Yehuda Bauer, haben für eine traditionelle, Hitler- und SS-zentrierte Form der Darstellung plädiert. Sie drängt sich infolge der Materiallage im Medium Fernsehen auf. Unterkomplex bleibt sie dennoch, weil auf diese Weise der besondere Charakter eines arbeitsteiligen Massenverbrechens undeutlich wird. So verschwindet die persönliche, jedoch unendlich verdünnte Verantwortung und Schuld von Millionen Einzelnen, die immer nur am Rande beteiligt waren, die kaum merklich, aber doch so von dem Verbrechen profitierten, dass ihr Gewissen schwieg.

Manche der Zeitzeugen der Täterseite wären besser gestrichen worden, weil sie offenkundig im eigenen Interesse in die Kamera schwadronieren. Es ist unerträglich, wenn der ehemaligen Reichsfilmintendant und Goebbels-Vertraute Fritz Hippler suggerieren kann, sein Begleitfilm zum Massenmord "Der ewige Jude" sei nicht von ihm, sondern gewissermaßen von Hitler persönlich geschnitten worden. Dasselbe gilt für Wilhelm Höttl, der zwar in der Einblende kurz als Mitarbeiter des RSHA vorgestellt wird, aber nicht als einer, der an der Deportation der ungarischen Juden mitwirkte. Im Film tritt er als harmloser älterer Herr und als Zeuge für den Vernichtungswillen Hitlers auf.

Aber diese Einwände sind keine Einwände gegen das Projekt selbst. Bedenklicher ist die Art, wie Autor und Regisseur Maurice Philip Remy, Guido Knopp und ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender für ihre Serie werben. Der Film erscheine just zur rechten Zeit, weil er den "Umgang mit dem Rechtsradikalismus" erleichtere, "Aufklärung, Aufklärung, Aufklärung" biete und "ein Zeichen gegen Verleugnung und Verdrängung" setze. So redet Brender und vergisst, was den gewiss unangenehmen und gefährlichen rechtsradikalen Pöbel einer Kleinstadt von einem staatlich organisierten Massenmord unterscheidet. Um es zugespitzt zu sagen: Die Lehren aus dem Holocaust sind erst dann verstanden, wenn Nikolaus Brender begreift, dass ihn und jeden Deutschen der Mord an den Juden genauso viel angeht wie jeden x-beliebigen Rechtsradikalen.


Berliner Zeitung vom 24.10.2000

ZDF-Kronzeuge Eichmann

von Götz Aly

Heute Abend um 20.15 Uhr steht die zweite Folge des ZDF-Sechsteilers "Holokaust" auf dem Programm. Sie widmet sich der Entscheidung zum Judenmord. Da sie schon vorab von Phönix gezeigt wurde, erlaubt uns das einen Hinweis: Das ZDF reduziert in diesem Teil seiner durchaus beachtenswerten Reihe (unsere Besprechung vom 17. 10.) die Voraussetzungen für das Verbrechen in einer Weise auf Hitler, die der alten Ausrede vom Betriebsunfall der deutschen Geschichte sehr ähnlich ist. Da berichtet ein freundlicher Dutzend-Opi (einst im Reichssicherheitshauptamt tätig, unschuldig), wie seine Kollegen in den Einsatzgruppen mordeten und das als "eine grausame, aber erforderliche Arbeit" empfanden. Knopps willige Filmemacher kommentieren dazu, dass diese "Arbeit nach seinem Willen verrichtet", dass "millionenfacher Mord in seinem Namen" vollzogen wird. Dazu rücken sie Hitler mehrfach und übermächtig ins Bild, unterlegt von marschierenden, hart schwarzweiß konturierten Männerformationen, so als hätte Goebbels gemeinsam mit Speer am Schneidetisch gestanden. Als Schlüsselsequenz fand dieses Bild schon in der ersten Folge Verwendung. In leichten Varianten teilt der priesterlich aufgeblähte Kommentar dazu immer dasselbe mit: "Er ist die treibende Kraft, um den sich willige Vollstrecker scharen", etwa Himmler und Heydrich. Dann geistert Eichmann aus dem Jerusalemer Gerichtssaal als O-Ton in deutsche Gernsehzimmer und beglaubigt: "Der Führer hat die physische Vernichtung der Juden befohlen."

Wohlgemerkt: Eichmann tritt hier nicht als Massenmörder auf, der nach Ausflüchten sucht und sich als willenlosen Befehlsempfänger stilisiert, sondern als Kronzeuge für die falsche These des Films. Er dient Knopp und dem beratenden Historiker Eberhard Jäckel allein dazu, ihren eigenen Hitlerfimmel zu pflegen. Aber Hitler konnte den Mord an den europäischen Juden nur verwirklichen, weil die Entrechtung, Enteignung und Deportation von der Mehrheit aller Deutschen getragen oder zumindest toleriert wurde und weil alle das sichere Gefühl hatten, dass sie von den materiellen, gemeinnützig umverteilten Segnungen der Arisierung profitierten: Sei es als Rentenempfänger oder Fabrikbesitzer, als Ausgebombter oder als tuberkulosekrankes Kind. Unter dieser Voraussetzung wurden die Beamten des deutschen Arbeitsamts zu Richtern über Leben und Tod, weil sie über die Arbeitsfähigkeit von Juden entschieden, forderte der Reichsrechnungshof von Gettos, die sich - so würde man heute sagen - nicht rechneten, und drängte bald jeder Bürgermeister auf die Freimachung von Judenwohnungen. Den ZDF-Dokumentaristen sind solche Wahrheiten zu sperrig. Das Abwälzen der Schuld auf Hitler half in den Jahrzehnten nach dem Krieg wenigstens den Verdrängungsnotwendigkeiten der deutschen Mehrheit. Darin lag etwas Humanes. Doch wer heute so hitlerfixiert argumentiert, wie es in dieser ZDF-Folge geschieht, der verkürzt die Wahrheit bis zur Unkenntlichkeit um einer knackigen Geschichte willen.

Berliner Zeitung, 24.10.00


Der Tagesspiegel vom 14.10.2000

Holocaust Ganz verbrennen

Nach "Holocaust", nach "Shoah": Wie das ZDF den Mord an den Juden dokumentiert

Kerstin Decker

August 1941, Bjelaja-Zerkov, Ukraine. Ein Mann hält zwei Frauen im Arm, seine Töchter. Sie sind die letzten. Auch sie sterben durch Genickschuss. Die letzten Juden von Bjelala-Zerkov? Nein, die Kinder sind noch da. "Wir erschießen nur von 14 bis zum Opa", sagt ein Schütze. Die Kinder bleiben zurück, ohne Wasser und Brot, eingesperrt in ein Haus am Stadtrand. Ein Divisionspfarrer erstattet Bericht: "Wir fanden in zwei Räumen etwa 90 ... Kinder im Alter von wenigen Monaten bis zu 5, 6 oder 7 Jahren ... Einige der größeren Kinder kratzten den Mörtel von der Wand und aßen ihn." Nach einer Woche kommt die SS. Die Kinder werden abgeholt, an eine Grube gestellt und erschossen.  Was ist das? Unsere Sprache hat ein sehr hilfloses Wort dafür. Sie nennt es schlicht Verbrechen. Aber stimmt das denn? Der Historiker, um genau zu sein, müsste sagen: Es war erst der Anfang eines Verbrechens, eines viel größeren Verbrechens.  Manche sagen, es ist genug darüber geredet worden. Die Empfindlicheren unter ihnen meinen, es gibt auch ein Verdrängen durch das Zuviel, ein Zudecken durch die Gewöhnung. Holocaust - nehmen Journalisten das Wort nicht beinahe täglich in den Mund? Mag sein, zu schnell in zu vielen Zusammenhängen. Aber: es ist noch niemals genug darüber gezeigt worden. Denn das Bild ist hier stärker als das Wort. Worte können ermüden. Vielleicht.  Vor den Bildern des Holocaust aber ist man auf furchtbare Weise wach. Sie erzwingen diesen Blick, der gleichsam ohne Lidschlag auskommen muss. Mit den Bildern aus Guido Knopps und Maurice Philip Remys neuer sechsteiliger Dokumentarreihe "Holokaust" ist jeder allein. Und jeder muss sehen, wie er ihnen standhält.  Dass er dem Zuschauer nichts davon abnimmt, ist vielleicht die größte Stärke dieser sechs Teile. Denn es gibt keine Einführung in Auschwitz. "Menschenjagd" heißt die erste Folge (ab kommenden Dienstag im ZDF, ab morgen auf Phoenix), "Entscheidung", "Ghetto", "Mordfabrik". "Widerstand" und "Befreiung" folgen bis zum 21. November. Man muss wohl erwähnen, dass "Holokaust" der bislang größte, umfassendste Versuch einer filmisch-dokumentarischen Darstellung des Mordes an den europäischen Juden im deutschen Fernsehen ist. Selten haben soviele Historiker und Journalisten zusammen an einem Projekt gearbeitet. In zwei Jahren wurden über fünfzig Archive zwischen Moskau und Washington gesichtet, bislang unbekanntes Material entdeckt, Filme auch, Kleinstausschnitte. 500 Zeitzeugen haben die Autoren weltweit befragt. Täter und Opfer.

Dokumentarmaterial wechselt mit ihren Aussagen, oft in bezwingender Verdichtung. Aber es steht nicht "Täter" oder "Opfer" unter ihren Namen, nur, was sie damals getan haben, wo sie waren. Selbst bei Fritz Hippler, Regisseur von "Der ewige Jude", heißt es: Regisseur.  Warum noch mehr? Man sieht ja den Filmausschnitt, sieht die Ratten aus den Gullis quellen, eine Stadt überfluten und hört die Worte: "... nichts anderes sind die Juden unter den Menschen". Remy und Knopp haben das Richtige getan. Sie vertrauen noch auf die Kraft von "Der ewige Jude" - die Kraft, sich selbst zu richten. Sie entschärfen nichts durch wohlmeinende Moderation. Und wäre es nicht obszön, den Holocaust zu pädagogisieren, ihn bekömmlicher machen zu wollen? Die Brüche zwischen den Sequenzen beginnen zu sprechen. Und die schmerzhaften Erklärungsverweigerungen verweigern zugleich, eine Ferne zwischen uns und jenen litauischen Hilfspolizisten zu bringen, der Tag für Tag Menschen erschossen hat: "Es war wie in den Wald fahren, um Holz zu holen, weil sonst zu Hause der Ofen kalt wird. Anders kommt man damit nicht klar." Ein Unmensch oder zu sehr Mensch, um den Alltag nicht noch inmitten des Schreckens herstellen zu wollen?  Natürlich könnte man der Reihe vorwerfen, was sie alles weglässt. Aber jede Dokumentation, gerade wenn sie gut ist, ist zuletzt eine große Weglassung. Und warum das Fremde, das so überaus Zeitbedingte seiner Fremdheit berauben: "Bolschewismus ist Judenherrschaft," hieß es bei den Nazis.  Historisch denken, heißt auch, Abstände zu denken. Der Film zeigt sie. Vielleicht war es da doch zu wenig, wenn der Historiker und Berater Eberhard Jäckel auf die Frage eines Journalisten nach dem "Warum?" des Holocaust sagte: "Es gibt keine Erklärung." Er meinte wohl: keine Erklärung schafft fort, was in Auschwitz geschah. Darum wollte er auch Holocaust mit "k". Die englische Schreibung des griechischen "ganz verbrennen", das zum biblischen "Brandopfer" wurde, drücke Distanz aus.  Adorno hat gesagt, nach Auschwitz ließe sich kein Gedicht mehr schreiben. Er nahm es zurück. Nicht im Namen der Normalität, sondern im Namen des Rechts auf Ausdruck. Das Gedicht ist das Recht auf den Schrei. Was Adorno meinte mit "nach Auschwitz", ist, dass der Status unseres Menschseins sich verändert hat. Es gibt für alle Späteren die Verpflichtung, diese Bilder zu kennen.

Das ZDF beginnt mit der Ausstrahlung von "Holokaust" am 17. Oktober. Die sechs Folgen laufen jeweils dienstags um 20 Uhr 15. In einer Vorabpremiere zeigt Phoenix die Reihe bereits am Sonntag um 20 Uhr 15 und zwar erstmals am 15. Oktober.  


Tagesspiegel vom 17.10.2000

http://195.170.124.152/archiv/2000/10/17/ak-me-10208.html

Kopyright auf Holokaust

Die ZDF-Schreibung für "Holocaust" steht für den deutschen Sündenstolz

Henryk M. Broder

Nach einem langen Marsch durch die Institutionen ist eine kleine, aber tüchtige K-Gruppe endlich in der besten Sendezeit des ZDF angekommen. Seit gestern Abend um 20 Uhr 15 wird zurückgeschrieben: "Holokaust" statt "Holocaust". Und der Historiker Eberhard Jäckel, der vor vielen Jahren die Hitler-Tagebücher von Konrad Kujau für authentisch erklärt hat, liefert auch diesmal die akademisch-wissenschaftliche Begründung: "Der Mord an den deutschen Juden gehört zur deutschen Geschichte. Ihn mit einem englisch geschriebenen Wort zu bezeichnen, kommt einer Distanzierung gleich. Die Schreibweise Holokaust ist ein symbolischer Akt der Aneignung der eigenen Geschichte."  Das klingt wirklich gut, wie ein "Mea culpa!" noch vor dem Frühstück auf den nüchternen Magen. Schaut man aber genau hin, erinnert der Satz an den Kalauer, den die K-Gruppen in den 60er und 70er Jahren bei Grundsatzdebatten sich gegenseitig um die Ohren hauten: "Die Basis ist die Grundlage des Fundaments."  Der Mord an den europäischen Juden gehört zur deutschen Geschichte wie der Karneval zu Köln und der Kürbis zu Halloween, egal wie das Verbrechen genannt oder geschrieben wird. Ob das H-Wort nun mit "c" oder mit "k" geschrieben wird, ist so maßgeblich wie die Frage, ob man ein Telefon oder ein Telephon oder einen Fernsprecher benutzt. Es gibt keine "symbolische Aneignung" der Geschichte, so wie es kein symbolisches Eigentum gibt: Eine Sache gehört einem oder sie gehört einem nicht.

Oktoberfest

Was Jäckel vermutlich sagen will, aber wieder mal nicht auf den Punkt bringt, ist dies: Die Endlösung der Judenfrage war ein deutsches Projekt, wir haben das Copyright (oder sagt man inzwischen Kopyright?) darauf und lassen uns nicht länger durch Elie Wiesel und andere Trittbrettfahrer symbolisch enteignen. "Oktoberfest" schreibt man auch mit einem "k", und wenn es in Milwaukee gefeiert wird. Deutsch sein heißt nicht nur, eine Sache um ihrer selbst Willen tun, sondern auch, sie konsequent zu Ende zu führen. Mit einem "k" in der Mitte kehrt der H. dahin zurück, wo er angefangen hat, wer immer noch ein "c" benutzt, vergreift sich an unserem Beitrag zur Welt-Geschichte. Soweit die "Symbolik der Aneignung", hinter der jene Attitüde steckt, für die Hermann Lübbe den Begriff "deutscher Sündenstolz" geprägt hat.  Außer Jäckel haben sich auch andere Schatzmeister der deutschen Geschichte zu Wort gemeldet, unter anderen Walter Jens, der über das Holocaust-Mahnmal mal gesagt hat, mit diesem Projekt würde die Gemeinschaft der toten Juden wieder ins Leben zurückgeholt. Nun treibt er seinen Voodoo-Zauber gegen den Strom der Geschichte weiter: "Wer die Tatsache, dass Millionen zu Asche gemacht wurden, präzise (...) bezeichnen will, muss Holokaust schreiben."  Und was passiert, wenn er es nicht tut, wenn ein paar Verweigerer beim "c" bleiben? Hier tut sich nicht nur eine symbolische Lücke auf, auch die Revisionisten bekommen endlich eine Chance. Wer den Massenmord an den Juden demnächst leugnet, wird einfach sagen, er habe nicht den Holokaust, sondern den Holocaust gemeint. Danke Professor Jäckel, danke Professor Jens! Wir wissen jetzt nicht nur, womit sich deutsche Großdenker die Zeit vertreiben, wir ahnen auch, was dabei heraus kommt.

Quelle: http://195.170.124.152/archiv/2000/10/17/ak-me-10208.html


Westdeutsche Allg. Zeitung, 16.10.2000

Fanal gegen den Hass

Am 17. Oktober beginnt die sechsteilige Serie "Holokaust". Die Dramaturgie des ZDF-Historikers Guido Knopp strebt wieder nach einem: Aufklärung durch Reichweite.

Es beginnt am 22. Juni 1941, als über der längsten Front der Welt die Sonne in Farbe aufgeht. Der Himmel ist blau, das Getreide ist gelb, die Panzer sind grün und der Krieg ist plötzlich ganz nah - viel näher jedenfalls, als käme er aus schwarzweißer Vorzeit.

So beginnt "Menschenjagd", die erste Folge von "Holokaust" (ZDF, dienstags, 20.15 Uhr). Bewusst geschrieben mit "k", weil "der Mord an den europäischen Juden zur deutschen Geschichte gehört. Das englische "c" kommt einer Distanzierung gleich", so der Historiker Eberhard Jäckel, der die Redaktion beriet.

Zwei Jahre waren die ZDF-Zeitgeschichtler unterwegs, fanden Überlebende, fanden Täter, fanden ungesehene Bilder in den Archiven Ostmittel-europas und Russlands. "Es ist nicht wahr, dass es nur wenige Bilder vom Holokaust gibt", sagt Guido Knopp: "Nur aus den Vernichtungslagern gibt es wenige Bilder."

Doch der Holokaust begann früher: mit den Einsatzgruppen und der Ordnungspolizei hinter der in Russland vorrückenden Wehrmacht. Sie trennen Familien, treiben Juden zum Abtransport zusammen, erschießen sie gruppenweise - all dies ist hier, nicht immer neu, zu sehen.

Nach Art der früheren Knopp-Serien ("Hitlers Krieger", "Hitlers Kinder"): Propaganda- und Privatfilme, montiert mit O-Tönen und bedrückenden Zeitzeugen vor schwarzem Hintergrund: "Jeden Tag gingen wir raus und erschossen Leute. Es war bald wie Arbeit, wie Bäume fällen", sagt einer. Die Serie ist bereits in 30 Länder verkauft, wird dem ZDF wieder Quoten bringen und Knopp Kritik. Vereinfachend, popularisierend. Das ist alles richtig - aber so ist Fernsehen immer. Simon Wiesenthal wünscht sich von "Holokaust", dass "junge Leute sagen: Wir leben in einem neuen Jahrhundert. Achten wir darauf, dass sich der Hass in unserem Jahrhundert nicht wieder so ausbreiten kann."

Hubert Wolf


Standard (Österreich) vom 17.10.2000

"Holokaust", ZDF: "Die waren immer ganz still"

Es gilt, was Primo Levi einst schrieb: "Uns wurde bewusst, dass unserer Sprache die Worte fehlen, um diese Beleidigung, diese Zerstörung des Menschen zu beschreiben." Es liegt an der Unzulänglichkeit der Sprache, dass sie es nicht schafft, Gedanken und Gefühle adäquat zu fassen. Einer Sprache, die vielleicht gar nicht gewachsen ist, um diesen Schrecken auszudrücken. In dem Sinn bleibt die Schoah unbeschreibbar.

Filmdokumentationen hadern ganz besonders mit diesem Schicksal, denn es ist ihnen beschieden, doppelt Abbild zu bleiben. Bilder können dem nichts hinzufügen.

Was bleibt, sind Zeichen. Die heute im ZDF beginnende, sechsteilige Serie "Holokaust" von Maurice Philip Remy und Stefan Brauburger setzt sie: Aus dem englischen "c" wurde ein "k". "Die aus dem Englischen stammende Schreibweise ,Holocaust' drückt sprachliche Distanz aus. Sprache aber darf nicht verschleiern", erklärt Nikolaus Brender, ZDF-Chefredakteur.

Die Schreibweise "ist ein symbolischer Akt der Aneignung der eigenen Geschichte", ergänzt Guido Knopp, Leiter der Zeitgeschichte-Redaktion im ZDF. Konsequenterweise bleiben die erschütterndsten Bilder ohne Kommentar. "Die waren immer ganz still. Ich habe nie jemanden schreien gehört." Ein Leutnant der Feldkommandatur beim Abtransport von Juden aus Litauen, die wenige Augenblicke später erschossen wurden.

Es geht um die Schließung von Wissenslücken. Nicht zuletzt dadurch ergibt sich die drängende Notwendigkeit - trotz Sprachlosigkeit. Über 500 Zeitzeugen wurden befragt, umfangreiches Archivmaterial - zum Teil bislang unveröffentlichtes Material aus Osteuropa - ausgewertet. Simon Wiesenthal hat die Schirmherrschaft übernommen. "Diese Dokumentation ist das Vermächtnis von Millionen Opfern", wertet er die Bedeutung der Serie. Handlungsbedarf besteht aber auch so. Eine Umfrage des Emnid-Instituts zeichnet ein finsteres Bild vom Wissen junger Deutscher: Zwei Drittel der 14- bis 18-Jährigen können mit dem Wort überhaupt nichts anfangen. (prie) "Holokaust", jeweils Dienstag (außer Teil 3: Mi, 1. 11.), 20.15, ZDF, im ORF ab 28. 11


Tageszeitung vom 17.10.2000

Ästhetisierte Vernichtung

Die ZDF-Reihe "Holokaust" (1. Teil: "Menschenjagd", 20.15 Uhr) setzt Schlaglichter, zeigt aber kaum Zusammenhänge. Erklärungsversuche werden der Inszenierung geopfert

"Die Truppe führt Befehle mit sich, die zu Kriegverbrechen auffordern", dröhnt die Stimme aus dem Off. Zu sehen ist der Aufmarsch deutscher Landser, der Überfall auf die Sowjetunion im Sommer 1941: "Bei der Jagd nach Juden hilft die Wehrmacht aus."

"Holokaust" heißt das aktuellste Produkt aus der Geschichtsmaschine von Guido Knopp, sechs Teile, maßgeblich vom ZDF produziert. Knappe Sätze, harte Schnitte. Sonore Sprecherstimmen, die eher in einen Western als zu einer Dokumentation passen. Knopp also wie immer, mit einem entscheidenden Unterschied: In keinem seiner bisherigen Filme wurde die Beteiligung der Wehrmacht an der Vernichtung der Juden so klar formuliert.

"Menschenjagd" ist der erste Teil betitelt, konsequent knapp sind auch die weiteren formuliert: "Entscheidung", "Ghetto", "Mordfabrik", "Widerstand", "Befreiung" folgen bis November im Wochenabstand.

Die Dokumentar-Reihe von Maurice Philip Remy und Stefan Brauburger setzt Schlaglichter, Zusammenhänge zeigt sie nicht. Will sie auch wohl nicht zeigen: "Es gibt keine Erklärung", sagt der Historiker Eberhard Jäckel, seit langem einer der Hauptberater der ZDF-Redaktion Zeitgeschichte, und meint damit den Holocaust. - Holokaust, so Jäckel, um das "untaugliche Wort" aus der Bibel, das eigentlich für ein Brandopfer stehe, wenigstens einzudeutschen.

Das ist zu kurz gesprungen, selbst der Film erliegt hier und da der Andeutung einer Antwort, die aber hinter dem von der ZDF-Zeitgeschichtsredaktion entwickelten Ästhetizismus zurückbleibt. Der ist hier - Farbfilm sei Dank - endgültig auf die Spitze getrieben: Wenn da ein jüdischer Zeitzeuge aus dem Baltikum die pro-deutsche Haltung seines Vaters beschreibt - "Was war schon höher als deutsche Kultur?" -, kippen die Stukas zum Angriff ab: "Der Wille zur Zerstörung", raunt die Stimme aus dem Off.

Die Zeitzeugen sitzen vor einer schwarzen Wand, nur ein Lichtstrahl erhellt, von rechts oder links oben gesetzt, ihr Gesicht. Auch sie dürfen nicht ausreden, erreichen dafür aber immerhin normale Satzlängen. Der eigentliche Kommentar ist stichwortartig-spröde, vollendet hier und da den begonnenen Satz der Opfer oder Täter, spitzt ihn zu.

Wer von den überwiegend männlichen Zeitzeugen nicht Deutsch spricht, wird gnadenlos vom Marlboro-Mann synchronisiert, auch wenn hinter der martialischen Stimme der Originalton ganz anders klingt.

Begreifen stellt sich so nur selten ein, höchstens dann, wenn beispielsweise ein ehemaliger Rittmeister sagt: "Franzosen und Engländer waren Gegner, die wir nicht als Feinde empfunden haben. Die Sowjets waren Feinde. Erbitterte Feinde." Auch Schriftstücke, Dokumente, Einsatzbefehle werden nur noch durchs Bild gezogen - um dann ein Wort formatfüllend herauszuzoomen: "Jude" oder "Vernichtung" steht dann da.

"Ein wesentliches Anliegen des Filmprojekts ist Authentizität", heißt es beim ZDF. Doch im Film überwiegt die Inszenierung - und immer wieder der Stolz, "noch nie gezeigte Aufnahmen" präsentieren zu können. Gleich dreimal tönt die Exklusiv-Fanfare allein im ersten Teil. STG


Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 16.10.2000    (in English)

Holokaust

By Alexander Kissler

FRANKFURT. A quarrel over spelling has provided a somewhat unseemly prelude to the broadcast of Holokaust , a six-part television documentary to be aired on ZDF television, starting on Tuesday.

The decision to call the series Holokaust, instead of Holocaust, provoked an angry response with the opponents feeling that only the Anglicism Holocaust could serve as the synonym for the destruction of the European Jews, while Holokaust, long a German loan word, was somehow free of the association. But the proponents of the new spelling claimed there were both "historical and political" reasons for dropping the standard spelling.

Not only did the k correspond to the letter kappa in the original Greek source of the word, the k also served to Germanize the word and to remind viewers that the murder of the European Jews was a German undertaking. Now it is up to the series to prove that television can indeed be a vehicle for the uncontroversial and enduring "appropriation of one's own history" - no matter how unorthodox the spelling of the program's title may be. The topic is as overwhelming as the series is ambitious.

Maurice Philip Remy, the author and director who made the ZDF series Hitler - Eine Bilanz (Hitler: An Assessment) in 1995 and Vatikan - Die Macht der Päpste (Vatican: The Power of the Popes) in 1997, has promised "an accurate assessment based on a reliable body of knowledge." This is why scholars from Israel, the United States and England were asked to approve the script. Unfortunately, the difficulties they faced when it came to apportioning the blame for what was undoubtedly a criminal campaign of extermination are evident in the end result.

The main perpetrators of the genocide were the various units of the SS, the Nazi party's elitist paramilitary corps. When a former radio operator describes seeing prisoners being shot through the base of the skull, the commentator interjects with more precise information: We are told who was responsible: "Sonderkommando 4a" (a sub-unit of the special, mobile SS formations whose tasks included liquidating Jews in the Soviet Union).

This labored attempt to stick to the exact terminology throughout soon reaches its limits once we get to the German army. We are told that "by no means all" the soldiers at the front, "but far too many of them are implicated. Some of them even join in the murdering, either under orders or of their own free will. Others are just bystanders." Like the entire commentary, this sentence uses the present to create a sense of immediacy and to diminish the temporal distance there is between the year 2000 and the events described.

A member of the 295th Division legitimates the three gradations of responsibility. Speaking on behalf of the bystanders, he describes the murder of several hundred Jewish children in Belaya Tserkov in Soviet Ukraine in August 1941. This was the first time children under 14 fell victim to the Holocaust. The soldier from the 295th Division tells us he received the order to take the children away with "tears in his eyes," but had no choice but to obey. Desertion or disobedience were simply not an option: "You can't do that. You couldn't do that. You can't do that," he tells us.

Wherever language is used to conjure up a real or imagined inexorability, while the grim images themselves cry out for linguistic redundancy, words are bound to fail. It is not until we switch from witnesses to perpetrators that verbal expression becomes possible again. After all, if a crime is repeated often enough, the perpetrator will automatically acquire the distance he needs to talk about it, something most witnesses without objections still cannot do.

The German sailor Karl-Heinz Mangelsen, for example, weeps when he describes watching people being "picked off" in a volley of rifle fire and the corpses slumping into the dunes on the beach at Libau, Latvia, in July 1941. Jonzas Maleksanas, on the other hand, is the epitome of calmness.

"The locals helped with the murdering," says Maleksanas, a Lithuanian auxiliary policeman who was also an experienced and reliable hunter of Jews. "It was like driving into the forest to chop firewood," he tells us. The only humane gesture he is able to boast of is his marksmanship: "I always tried to aim at the heart, to hit the yellow star to be sure of killing them." What is so chilling about this testimony is not just the ice-cold precision of the perpetrator's reminiscences - and the deed itself - but also the way the Star of David is reduced to a target for the executioner to set his sights on.

If, as German-Jewish theologian Franz Rosenzweig believed, the Star of David stands for a human face, and vice versa, then the crimes committed by Maleksanas and others like him can be said to contain that aspect of the Holocaust that is relevant to the history of humankind, namely Homo sapiens' limitless capacity for self-destruction.

Rozèle Goldenstein, also from Lithuania, was supposed to fall victim to this wave of destruction. Once the Germans had invaded her homeland, there were no longer any Russians, Soviets or Lithuanians, but only Jews and non-Jews. Lying among the corpses in a mass grave beside her dead mother, Goldenstein wished she herself were dead, too. Her prayer was not answered: "I had to go on living."

Remy's "accurate assessment" succeeds as long as those interviewed are able and willing to recollect accurately, and as long as there is film footage available to underscore the testimony presented. Most of those interviewed are either witnesses or victims, but very few of them are perpetrators. Thus, the more one watches, the more one gets the impression that this terror was the work of mere phantoms: people without a voice or a face.

This fallacy could have been counteracted had the documentary devoted more time to Maleksanas and his German and Baltic counterparts, or had they been interviewed more aggressively. The commentary even cuts itself off. The claim that "many soldiers know very well what is going on in the hinterland" is followed by two sentences from a first lieutenant, neither of which contributes anything new to this highly controversial question.

As the prime-time slot indicates, the series is aimed above all at a younger generation of viewers, which is why the second objective -- to draw on a reliable body of knowledge - is so important to the didactic intent. As much of the film footage is already well known, Remy sets out to return it to its proper context, thus liberating it from the "iconic status" it has since acquired.

It is indeed difficult to combine information with clichéd symbolism, to insist on the facts, while at the same time appealing to the emotions. Yet Guido Knopp, ZDF's editor for contemporary history and the man responsible for Holokaust , is not exactly known for his critical interpretation of sources. Instead, he is a master of his own field, perhaps best described as the spectacular illustration of history.

This is why his three series on Hitlers Helfers (Hitler's Accomplices), Hitlers Krieger (Hitler's Warriors) and Hitlers Kinder (Hitler's Children) were, as their titles implied, all so much alike. Any gaps in the archives were whitewashed over with the aid of scenic reconstructions. Emotive film footage accompanied by orchestral pomp generated the desired atmosphere, while a tremulous voice-over sat in judgement over the past.

Fortunately, Remy and Knopp have kept this kind of childishness to a minimum here, although they are not entirely averse to melodrama. After all, says Remy, the aim is to "reach as large an audience as possible. No one should want to switch off." Fear of zapping induced them to reach for the drums that accompany each soldier's testimony, or the mournful clarinet we hear whenever there are Jews on screen. Such romanticism lifted from the musical "Fiddler on the Roof" is out of place in a documentary on the Holocaust. Besides, these Hollywood borrowings are unnecessary: Most of the material speaks for itself.

"Film footage shot by a sailor," for example, replays the mass executions that Mangelsen witnessed in Libau, and that still render him speechless even today. The most moving scene of all was one that was, we are told, "filmed secretly by partisans." It shows German soldiers in a Soviet village trying to separate a mother and child. When the woman is led away, the child struggles to keep up with her and then falls over. A soldier kicks the woman in the back, but leaves the child lying on the ground.

It is moments such as these that make this six-part series an important work. If only the authors and producers had had the courage to interview fewer people and to let them talk for much longer, many of the clichés in the commentary could have been avoided and Holokaust could have achieved what it set out to do. As it is, however, our overall impression is blurred by the stylistic posturing of each 42-minute episode, in which 20 persons are allowed one and a half sentences of testimony each.

And when the dead children of Belaya Tserkov are given a requiem of white birch trees against an opaque sky to the tune of a heartbeat that suddenly stops, we are reminded of how the essayist and philosopher of history Reinhold Schneider, after visiting the Imperial Army Museum in Vienna, once described the quintessential 20th century experience: "War consumes everything picturesque."


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